Schwein gehabt!

Endlich richtig Sommer in Deutschland! Über 30 Grad! Juhu! Einziger aber schwerer Haken: ich habe Grippe. Badewanne statt Prinzenbad, Hühnersuppe statt Brombeereis, „Das perfekte Dinner“ statt Grillen im Park. Nur das Schwitzen habe ich an diesem angeblich heißesten Tag des Jahres mit den mir unerträglich fröhlich und agil erscheinenden Berlinern gemeinsam. Nach nunmehr geschlagenen drei Tagen, in denen ich sehr geschäftig zwischen Bett und Sofa hin- und herpendle, habe ich mittlerweile den Kontakt zur Außenwelt gänzlich abgebrochen. Denn mein Krankheitsfall macht offenbar nicht nur mir, sondern auch meiner Umwelt arg zu schaffen. Grund dafür ist nicht etwa Anteilnahme, sondern eine ausgemachte, weltweit verbreitete Krise namens: SCHWEINEGRIPPE.

Ach, du bist krank? Na hoffentlich ist es nicht die SCHWEINEGRIPPE!

Dein Mitbewohner war zuerst krank? Dann ist er wohl Mexikaner und hat die SCHWEINEGRIPPE eingeschleppt!!

Warst du schon beim Arzt? Du weißt ja, mit der SCHWEINEGRIPPE ist nicht zu spaßen!!! 

Manchmal kommt auch nur (und das hört sich für mich schon fast an wie eine versprachlichte Übersetzung von „oink-oink“):

Krank? SCHWEINEGRIPPE- SCHWEINEGRIPPE!!!!

Dabei schnalzt das Reizwort wie eine Kampfsalve über die Zunge, dringt über mein sensibles Ohr ins Hirn, um dann an meinen geschwollenen Mandeln vorbei in den eigentlich von der Grippe verschonten Magen zu wandern und diesen gehörig umzudrehen. Natürlich ist das alles nur ein „Witz“ (wobei sich mir immer wieder die Frage stellt, was daran so verdammt witzig sein soll). Und da ja in jedem Witz eine gewisse Portion Ernst mitschwingt (im Grunde macht der Ernst den Witz ja erst möglich) kann man im Fall der Schweinegrippe beispielhaft ablesen, wie mediale Konditionierung funktioniert.

Als die ersten Fälle der Grippe im April 2009 aufkamen, war das für die Medien ein gefundenes Fressen. Tonalität und wenig faktenreiches Material machte den täglichen Nachrichtenkonsum zur Seifenoper, die in punkto Spannung einem Wolfgang Petersen Streifen problemlos das Wasser reichen konnte. Im raunenden, apokalyptischen Crescendo verkündete die Sprecherstimme die Zahlen der vermeintlich Neuinfizierten. Im Nu hüpfte H1N1 über den weitgehend Mexikaner-resistenten Zaun hinüber zu unseren US-amerikanischen Freunden, und in Windeseile bahnte sich der Virus auch seinen Weg nach Europa, nach Deutschland und, wie schamlos!, sogar ins mallorquinische Ferienparadies. Während die Menschen in Deutschland sofort panisch durcheinander grunzten, wurde der Ausbruch der Krankheit in Mexiko mit der landestypischen Gelassenheit hingenommen. Neben den verteilten Mundschutzen gab es eine Woche schul- und vorlesungsfreie Zeit und nicht zuletzt eine Menge neuer Witze. Bis auf diese ist von dem pandemischen Ungeheuer nicht viel übrig im mexikanischen Alltag. Die vorerst angenommene Zahl von fast 70 Toten wurde kleinlaut auf 7 herunterkorrigiert, in Deutschland verlief noch kein einziger Fall tödlich. Doch der Homo Phobikus im Endstadium lässt sich von solch langweiligen Zahlen nicht das Haar aus der Suppe nehmen; vor irgendetwas muss man ja Angst haben wenn es schon keine Drogenkartelle, Kriege oder Umweltkatastrophen gibt! Da kommen Terror, Feinstaub und Schweinegrippe doch gerade recht. (Neulich, aber das nur am Rande, bekam ich doch tatsächlich einen Anruf aus den Reihen der äußerst fadenscheinigen Partei Bürgerrechtsbewegung Solidarität [BüSo], die mir auf Mitgliederfang weismachen wollte, dass ein erheblicher Prozentteil der Menschheit in nur wenigen Jahren durch die Schweinegrippe ausgerottet sein wird, wenn wir nicht endlich ihren selbsternannten Heiland Lyndon Larouche an die Macht ließen.)

Wie erfolgreich das Geschäft mit der Massenpanik ist, zeigt in diesen Tagen auch die Berichterstattung über die neue Impfung gegen die Schweinegrippe: Mit Priorität auf den gesellschaftlichen Risikogruppen kann sich nun jeder Deutsche, der denn will, gegen Schweinegrippe impfen lassen. Satte 500 Millionen Euro lässt sich das die Bundesregierung vorerst kosten. Pharmariese Novartis (der übrigens immer noch auf Impfvorräten gegen die Vogelgrippe hockt) teilt sich die gigantischen deutschen Umsätze mit nur einem Mitstreiter. So ist innerhalb von nur vier Monaten ein höchst profitabler Markt entstanden, der der Nachfrage kaum nachzukommen vermag. Zwar haben etliche Länder bereits Bedarf an dem Impfstoff angemeldet. Doch es zeichnet sich bereits ab, dass ärmere Länder, die aufgrund mangelnder hygienischer Bedingungen und schwächerer Gesundheitssysteme eigentlich schneller mit dem Impfstoff versorgt werden müssten, keinen gerechten Anteil daran abbekommen werden. 

Einziger Trost in diesem Szenario bleibt, dass mir durch den Impfstoff nun endlich ein süffisante Antwort zur Verfügung steht, um Phobikern und Spaßvögeln gebührend zu begegnen: beim nächsten Erkältungswehwehchen, bei dem man mit dem Schweinegrippenfinger auf mich zeigt, entgegne ich einfach:

Ach QUATSCH, da gibt es doch jetzt diesen IMPFSTOFF gegen. Habe mich natürlich SOFORT BEHANDELN lassen – sag mir jetzt BITTE nicht, dass DU nicht GESCHÜTZT bist…?!?

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Die „Türkin“ Marwa Al-Scherbinis

Wie viele andere Deutsche erinnere ich mich noch gut an den Fall kurz vor Weihnachten 2007, als zwei Jugendliche einen Rentner in der Münchener U-Bahn brutal zusammenschlugen. Besondere Brisanz und Medienaufmerksamkeit gewann der Fall dadurch, dass die jungen Männer, ein Türke und ein Grieche, Migranten waren: wochenlang musste man mitverfolgen, wie über härtere Strafen für von Migranten verübte Gewalttaten debattiert wurde und der Vorfall für den anstehenden Wahlkampf ausgeschlachtet und instrumentalisiert wurde. Verdächtig lethargisch zeigte sich hingegen die Berichterstattung im Fall von Mirwa Al-Scherbinis: die erste von einem Deutschen begangene Straftat, die explizit islamophob-rassistisch motiviert war, wurde in den hiesigen Medien bestenfalls als Randthema behandelt. Eine schwangere Frau und Mutter mit ägyptischem Hintergrund wird auf einem Spielplatz als Islamistin, Terroristin und Schlampe beschimpft, sie wehrt sich mit einer Anzeige und wird dann während des Prozesses mit 18 Messerstichen mitten im Gerichtssaal von ihrem Aggressor getötet. Al-Scherbinis Ehemann wird beim Versuch, seiner Frau zu Hilfe zu kommen, ebenfalls vom Täter verletzt und von der Gerichtsaufsicht angeschossen, die den Mann irrtümlich für den Gewalttäter hielt. So ungeheuerlich die Tat umso verdächtiger das Schweigen der Politführung und die verhaltene Stellungnahme der öffentlichen Meinung: eine Woche lang war seitens der Regierung kein Kommentar zu vernehmen, bis auf wenige Medien blieb der Fall Marwa Al-Scharbinis bestenfalls Randthema der Berichterstattung. Innenminister Schäuble, der im Juni auf seiner selbst ins Leben gerufenen Islamkonferenz noch gönnerhaft verlauten ließ, die Muslime seien nun (wir haben 2009) ein Teil Deutschlands geworden, fühlte sich offenbar zu keiner Aussage berufen, Frau Merkel überließ über einer Woche nach der Tat einem Vizepressesprecher die Arbeit. Erst jetzt, wo der Fall in Ägypten für einen handfesten Skandal gesorgt hat und die so bemüht weiß gehaltene Weste Deutschlands auf dem Spiel steht, hat sich Frau Merkel zu Gesprächen mit Ägyptens Präsident Mubarak angebiedert. Den Vorwurf einer islamfeindlichen deutschen Gesellschaft wird sie auf diesem Wege jedoch nicht entkräften können, wohl erst recht nicht bei den deutschen Muslimen. Denn das schamlose Desinteresse der Öffentlichkeit an dem Fall zeigt vor allem eins: dass Islamophobie und Rassismus gegenüber Muslimen ein gesellschaftsfähiges Breitenphänomen geworden sind.

Wer nicht völlig taub auf den Ohren ist dieser Tage kann „Türken“-feindlichen Gesinnung an so manch einer Ecke begegnen, selbst in meinem Heimatbezirk Kreuzberg. Dazu sei bemerkt, dass „die Türken“ gemeinhin gern definiert werden durch den Phänotyp schwarzes Haar mit dunklen Augen und Augenbrauen. Bei Männern kommen zusätzlich buschige Voll- oder Schnurrbärte, bei Frauen wahlweise auch Kopftücher dazu. Nicht zu verwechseln sind „die Türken“ mit zugezogenen Spaniern oder Italienern, denn die grenzen sich durch den glorifizierten Neu-Berliner Straßenschick von „den Türken“ deutlich ab. So werden Libanesen, Kurden, Araber, Albaner und wer weiß wer sonst noch alle mit in den Türkentopf geworfen. Der fungiert dann, nimmt man noch die Drogenabhängigen vom Kotti, die Klezmer-klampfenden Roma und Sinti und die Autonomen und Penner vor Kaisers dazu, als Szenenbild für das so hedonistische und kreative, skurrile und herrlich billige Berlin, das so schön passt zum neu definierten Leben als Künstler und Gammler. Aber es ist nicht nur das Szenario Neu-Berliner und Türken auf dem Wochenmarkt, an dem man sich fragen muss, was Herr Schäuble mit „Integration auf den Weg bringen“ wohl meint. Auch manch ein Alteingesessener, der in der Stadt mit der dritthöchsten Anzahl türkischen Mitbürger weltweit aufgewachsen ist, geizt nicht mit Vorurteilen; sobald das Thema auf „die Türken“ kommt, gehen die Menschen erschreckend unverhohlen mit ihrer Fremdenfeindlichkeit um. Zur Illustration hier nur einige Beispiele der letzten Zeit:

Sebastian hat was gegen Türken und steht dazu. Ihm wurde schon zwei Mal von Türken das Handy aus dem Rucksack geklaut.

Ich erzähle Christoph, dass ich nach Istanbul fahren werde, die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: was willst du denn da, `ne Dönerproduktion besuchen?

Rayan, deren Mutter in Tunesien geboren wurde, wohnt in Kreuzberg auf der Grenze zu Friedrichshain. Ich erzähle ihr, dass ich lange in Schöneberg gewohnt habe. Sie kennt sich da nicht aus, weil auf ihrem Zugezogenen-Index nur Prenzlauer Berg, Kreuzkölln, Mitte und Friedrichshain vermerkt sind. Ein Kommentar hat sie trotzdem parat: da würde ich im Leben nicht hinziehen, viel zu viele Türken!

Katharina erzählt von ihrer tollen Wohnung. Auf Nachfrage, wo die Wohnung denn sei, erwidert sie: in Neukölln, na ja, die Gegend ist nicht so (Gesichtsausdruck sagt: du weißt schon was ich meine), aber die Wohnung an sich ist ein Traum, superbillig und bei uns (Blick und Stimme werden gesenkt): keine Türken im Haus.

Wer das harmlos findet, kann sich die selben Beispiele ja mal mit Juden vorstellen. Ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber, dass man ausgerechnet bei mir, die mit alltäglichen Rassismen relativ gut vertraut ist, solch dämliche Kommentare ablädt. Zum einen zeigt das noch klarer, wie unbedarft und verharmlosend mit dem Rassismus gegen „die Türken“ umgegangen wird, denn die Mehrheit der Gesellschaft würde ihn als solchen gar nicht identifizieren (was am Rande bemerkt die tückischste Eigenschaft des Rassismus ist). Zum zweiten offenbart dieses Verhalten die unbewusste Überlegenheitsattitüde: Du bist eine von uns, dich akzeptieren wir – wovon wir reden sind die anderen.

Welches Land wenn nicht Deutschland müsste sensibilisiert sein auf die rassistischen Tendenzen, die sich in seiner Gesellschaft breit machen? Der Fall Marwa Al-Schabiris hätte weitgehende mediale Aufmerksamkeit erregen, er hätte Missstände benennen und Diskussionen anregen müssen und ein deutliches Zeichen setzen müssen gegen die weit verbreitete Islamophie im Land. Die Reduzierung auf eine Gewalttat aus dem radikal-nazistischen Lager und die Ignoranz der Umstände, die zu der Tat führten, zeigen jedoch leider nur, dass Deutschland viel weniger dazu gelernt hat, als es der Welt so gern weiß machen will.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

AUFGESCHNAPPT…

Neulich in der Berliner U-Bahn: ein unruhig und leicht verdrogt wirkender Typ vom Schlag Ozzy Osbornes stellt sich wackelig aber bereit zum Aussteigen vor die Bahn-Türen und wartet tapfer die nächste Station ab. Als der Zug im Bahnhof Halt macht, öffnen sich die Türen auf der gegenüberliegenden Seite des Zuges. Ozzy ist jetzt weit über seinen Normalzustand hinaus verwirrt und keift mich vorwurfsvoll an, „Ey! Wo is`n hier der Ausgang?“ Überrascht über die dumme Frage deute ich mit einem Kinnnicken auf das in seinem Rücken offen klaffende Zugloch. Ozzy schafft die halbe Drehung und trottet unter unverständlichem Gebrabbel von dannen. Während ich ihm mit einer Mischung aus Belustigung und Mitleid nachblicke, kommentiert ein neben mir sitzender, monoton Bier trinkender Mann in Handwerkskluft trocken: „Et jibt hier keenen Ausjang.“

Ich denke: klar gibt es den, sogar Ozzy hier hat ihn gefunden. Aber gesagt hab ich lieber nichts.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Zur Ausstellung „stagings made in NAMIBIA. postkoloniale fotografie/post-colonial photography.“ im Kunsthaus Bethanien, Berlin

Es ist schon komisch mit den Aufhängern, um einen Text zu schreiben. Manchmal kommt und kommt kein Thema vorbei und manchmal krallt sich eines dermaßen an den Hals, dass man es erst wieder los ist wenn es endlich in ein sprachliches Korsett gebannt ist. Wobei wir schon mitten drin sind, denn wenn wir schon gerade davon sprechen, kann ich auch gleich das ablassen, was mir gerade die Luftröhre einschnürt: die Ausstellung „stagings made in NAMIBIA. postkoloniale fotografie/post-colonial photography.“ Die Macher waren drei Monate in Namibia und statteten dort lebende Menschen mit Einwegkameras aus, der Auftrag: das Thema der deutschen Kolonisierung fotografisch spiegeln. Nun sollte der aufmerksame Leser bereits hellhörig werden, denn tatsächlich handelte es sich bei dem Vorhaben um ein Konzept, was in Deutschland „für“ Namibianer entwickelt worden war und bei dem eben diese im festgelegten Rahmen agieren sollten. Nun geschah aber folgendes: statt sich um das Thema Kolonisation zu scheren, fotografierten die Namibianer lieber sich selbst oder ihre Freunde, Bekannten und Familienmitglieder. Auf dem Introtext zur Ausstellung wird dieser Verlauf des Projekts dann als „charmant entgleist“ kommentiert und dann möglichst kompliziert uminterpretiert in eine Bilderschau, die ein Gegengewicht schaffen soll zu den gängigen Bildern hungernder namibischer Kinder, die wir aus Deutschland so kennen. DAS war nun richtig interessant, bis heute hatte ich nämlich gar nicht gewusst, dass es in Deutschland ein so differenziertes Namibiabild gibt – wir wissen, wie hungrige Namibianer aussehen! Und das, obwohl es in Namibia nie eine eklatante Hungersnot gegeben hat und so gut wie nie Nachrichten aus dem Land in unser sorgsam gesiebtes Medienbild sickern.
Statt also der Aufforderung Folge zu leisten, machten die Teilnehmer, was sie wahrscheinlich immer machen, wenn sie mit Kameras hantieren und lichteten sich selbst ab. Was von der Machern als „Entgleisung“, nein mehr, „charmante Entgleisung“ dargestellt wird, gibt hübsch Aufschluss über ihre Haltung: sie hatten die Schienen (fest-)gelegt auf denen der Zug fahren sollte, doch der Zug kam durch wenig fachkundige Insassen vom Weg ab. Die Wortwahl „charmant“ kann dabei leider nur verstanden werden als süffisante Überlegenheitsgeste, es scheint als spräche eine Nerven gestählte Kindergärtnerin von einem Haufen ungezähmter Kinder, die in ihrer Naivität und wilden Produktivität doch liebenswert sind und deren Ergebnisse man dementsprechend huldigen muss. Und so kann der interessierte Besucher nun die einmalige Erfahrung machen, Afrikaner in ihrer gewohnten Atmosphäre auf Fotos anzugucken: so sieht es also aus, wenn Afrikaner auf der Straße stehen! Zu Hause auf dem Sofa sitzen! So sieht es aus, wenn namibische Kinder gemeinsam spielen! Und der Aha-Effekt: keine Hungerbauchkinder, die traurig aus der Wäsche gucken.

Leute die so was machen, lassen auch Schimpansen mit Fingerfarbe Kunstwerke malen, um deren Intelligenz zu beweisen. Leben wir Deutschen wirklich derart auf dem Mond, dass wir es nötig haben, Afrikaner beim Biertrinken zu beobachten, um davon überzeugt zu werden, dass Afrika nicht aus traurig dreinschauenden Menschen besteht, die mit ihren Mündern das Wort ‚Hunger‘ formen? Das Projekt (übrigens vom Hauptstadtkulturfond gefördert) erzählt herzlich wenig über Namibia und seine Menschen, dafür aber einiges mehr über seine Macher und Geldgeber und deren immer noch existierenden und sich fortschreibenden kolonialen Herrschermodi. Zwei interessante Dinge habe ich dennoch entdeckt: 1) Die Tatsache, das schwarze und weiße Namibianer prinzipiell nicht auf demselben Foto zu sehen sind, spiegelt authentisch die soziale und kulturelle Grenze im Land. Und 2) den Deutschen haben die Namibianer nicht nur die Schrecken des Kolonialismus, sondern auch Schrankwände vom Typ Eiche Rustikal zu verdanken.

Man kann einen gewissen Trost finden in stagings made in Namibia wenn man sich bewusst ist, was die Leute aus dem ursprünglich gewollten Bedeutungskontext gemacht haben. Dass die Macher trotzdem den Versuch unternommen haben, diesem sinnfreien Bilderblumenstrauß einen verkopften Bedeutungskontext überzustülpen, passt ins Muster.
Hätte man ein Projekt auf Augenhöhe machen wollen, so hätte man es von Anfang als Kooperation initiieren müssen, hätte namibische Fotografen, Künstler, Wissenschafter oder auch Privatleute anfragen können, die das Thema Kolonialismus bearbeiten oder sich dafür interessieren. Die Anmaßung des ganzen Projektes liegt leider bereits in dem Denken, das sich der moderne Querschnitt der Namibianer mit seiner Kolonialgeschichte auseinandersetzt (ich habe gerade große Freude daran, mir vorzustellen, was dabei rausgekommen wäre, wenn ein namibischer Kurator das gleiche Vorhaben mit Deutschen hätte durchsetzen wollen).
Für das, was stagings made in Namibia ist, hätte man nur mal die hier lebenden Namibianer (ja, die gibt es) nach ihrer Fotobox fragen müssen und stattdessen das Geld für ein sinnvolleres, weniger pseudoelitäres Projekt ausgeben können. Die Projektverantwortlichen nennen ihr Werk „eine kollektive Versuchsanordnung“. Was auch immer das sein soll, es sagt eigentlich schon alles.

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar

Reisend geht die Welt zu Grunde

Reisen ist wirklich schön. Man fährt woanders hin, atmet andere Luft, sieht andere Dinge. Doch Reisen ist mehr als nur ein bloßer Ortswechsel. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss schrieb in seinem zu Recht sehr berühmt gewordenen Buch „Traurige Tropen“: „Im Allgemeinen stellt man sich das Reisen als eine Ortsveränderung vor. Das ist zu wenig. Eine Reise vollzieht sich sowohl im Raum wie in der Zeit und in der sozialen Hierarchie.“ Auf letztere zu blicken ist besonders spannend, denn obwohl das Reisen leider oft genug wie selbstverständlich mit kultureller Offenheit in Verbindung gebracht wird, ist es in erster Linie erstmal nur eines, nämlich: ein Luxusindiz. Wer viel reist, der ist keineswegs automatisch flexibel, offen oder erfahren – vor allen Dingen kann er sich das Reisen erstmal leisten. Leisten in dem Sinne, dass er a) die finanziellen Mittel und b) den Luxus von bezahltem Urlaub oder langen Semesterferien im Rahmen einer akademischen Ausbildung genießt. (Denkt man erstmal darüber nach, merkt man, wie klein dieser Kreis eigentlich ist.) Reisen, oder der Schatten dessen, was es sein sollte und könnte, gehört heute zur Identitätszeichnung wie Kleidung, Haus oder Fuhrpark. Wir kommen mit dem Reichtum, den wir durch koloniale Ausbeutung unzähliger Länder angehäuft haben in die Länder, von denen wir gestohlen haben, um traumhaftes Wetter und exotische Strände zu genießen. Wir nennen ihre Länder Paradiese. Für lächerlich günstige Waren verhandeln wir mit den hiesigen Schmuck- und Kunsthändlern einen immer noch niedrigeren Preis und präsentieren unser Schnäppchen dann stolz zu Hause. Gekauft haben wir von Menschen, denen es umgekehrt wahrscheinlich nie möglich sein wird, jemals unsere Heimatländer zu besuchen, aber darauf verschwenden wir lieber keinen Gedanken. Ich habe mich einmal mit einem mexikanischen Bauern in Teotihuacán, einer Ruinenstätte bei Mexiko-Stadt, unterhalten. Die Bewirtschaftung des Bodens reichte dem vierfachen Familienvater nicht, um seine Familie zu ernähren, deshalb verkaufte er selbst gefertigtes Kunsthandwerk. Die Herstellung einer kleinen Schildkröte aus Vulkanstein kostete den Mann einen kompletten Arbeitstag, verkaufen konnte er sie für umgerechnet circa zwei Euro. Beim Schleifen des Steins hatte er sich den linken Daumennagel abgerissen und viele seiner Fingerkuppen waren beschädigt oder dem Schleifstein gänzlich zum Opfer gefallen. Einen Arzt konnte er sich nicht leisten, aber ein paar verschandelte Finger zu haben, davon starb man ja nicht, und solange er nichts Schlechtes dachte und betete, standen er und seine Familie unter dem Schutz Gottes, und bisher waren sie immer irgendwie durchgekommen.

Das Verhältnis von Einheimischen zu Besuchern bleibt zumeist vom persönlichen Kontakt unberührt, dabei gibt es kaum einen Unterschied auszumachen zwischen dem typischen (ich bin mir darüber bewusst, dass ich damit eine Generalisierung vornehme) Pauschal- und dem Rucksacktouristen. Der Rucksacktourist unterscheidet sich vor allem dadurch vom Hotelghettotouristen dass er a) entweder weniger Geld hat oder b) weniger Geld ausgeben will. In seinem Paralleluniversum, in dem ihm sein Lonely Planet stets den rechten Weg leuchtet, begegnet er gleichgesinnten Pilgern, mit denen er meist darüber in einen Wettstreit gerät, wer von beiden die Worte aus der heiligen Schrift besser auswendig gelernt hat. (Der Lonely Planet kommt übrigens wie auch der Rest der Reiseführerliteratur nicht ohne fatal unreflektiert genutzte Begriffe wie „Kolonialästhetik“ oder „romantische Kolonialarchitektur“ aus, aber dies sei nur am Rande bemerkt.) Ein deutscher Freund erklärte einer wenig reisenden Mexikanerin einmal scherzhaft und äußerst treffend, dass man Lonely Planet Reisende daran erkenne, dass sie Helme trügen, damit sie beim Laufen und gleichzeitigen Lesen nicht mit den gesenkten Köpfen aneinanderstießen.


Die Pfade der Backpacker sind ausgetreten und weit entfernt von der Alltagsrealität des jeweiligen Landes, trotzdem feiert sich der Klüngel als so etwas wie die besseren, weil „alternativ“ Reisenden. Statt am Abendbuffet des Hotelbunkers zuzuschlagen sitzen sie ums Lagerfeuer und grillen Fisch, statt Sonne am Hotelpool zu tanken bevölkern sie vom Reiseführer enttarnte, ehemals versteckte Strände, und statt abendlicher Hotelanimation hängen sie nachts am Strand oder in einer der gepriesenen Backpackerbars ab. Ausgewalzte, zum Produkt verkommenen politische Nachwehen, die nur noch dazu dienen, einem kapitalistischen Hedonismus zu frönen. Andere Bucht, gleiche Aussicht.

Im Urwald auf Hängematten fläzen, ausgelutschte Manu Chao und Bob Marley Songs klampfen und den ganzen Tag Joints rauchen heißt noch lange nicht, alternativ zu sein. Ebenso wenig heißt offen zu sein, sich mal mit einem Einheimischen fotografieren zu lassen, der gerade einen Tontopf bemalt. (Bestenfalls kann das nur „I was here“ bedeuten. Und das war auf den Wänden unserer Schultoiletten als Markierung von öffentlichem Raum schon besser inszeniert.) Es ist tatsächlich ein einsamer Planet, den europäische und us-amerikanische Rucksacktouristen bewohnen. Er ist Miniaturausgabe und Nachbarplanet ihres eigenen, nur erfüllt er zusätzlich die individuellen Wunschvorstellungen bezüglich Wetter und Landschaft. Man könnte glatt dazu verfallen, sich auf die Seite der Pauschaltouristen zu schlagen: die verstecken sich zumindest nicht hinter ihrer vermeintlichen Alternativität und zelebrieren Hipness im Hippieness-Kostüm.

Was also tun, zu Hause bleiben? Natürlich nicht, denn es bleibt ja dabei, Reisen ist wirklich schön, und irgendwas nimmt ja doch jeder mit. Und natürlich sind wir nicht schuld an einer schrecklichen Geschichte, deren Nutznießer wir noch heute sind. Aber machen wir uns nicht schuldig, wenn wir uns dieser Geschichte nicht zumindest bewusst sind und sie im Hintergrund unserer Ansichten, Urteile und Handlungen nicht mitdenken? Es ist einfach falsch, sich abfällig über guatemaltekische Straßen zu äußern und in Deutschland sowieso alles besser zu finden, zugleich aber die dortige exotistische Anbetung und Übervorteilung als Europäermade im Speck zu genießen und auszunutzen. Genauso falsch erscheint es mir, einen Aufstand zu initiieren, weil man sich um einen Euro bei der Taxifahrt betrogen fühlt, der im Endeffekt noch durch vier Insassen geteilt wird und bei dem es in Wirklichkeit wahrscheinlich nur um falschen Stolz geht.

Nicht nur ein bisschen mehr Bewusstsein für die Sache, auch ein direkterer, ganz praktischer Zugang zum kulturellen Anderen kann helfen. Die Couchsurfing Community (www.couchsurfing.com

) macht vor, wie Menschen auf der ganzen Welt wirklich offen und unvoreingenommen ihre Wohnungstüren öffnen, um Fremden aus anderen Ländern und Kulturen einen Platz zum Schlafen, wertvolle Tipps und darüber hinaus auch oft eine schöne gemeinsame Zeit zu ermöglichen. Das ist doch idealer Rucksacktourismus! Ob hingegen das Konzept des Pauschaltouristen noch zu retten ist.. dazu fehlt mir momentan leider noch die Fantasie.

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Putzen auf mexikanisch

In Mexiko ist es üblich (viel üblicher als in Deutschland), eine Putzfrau zu haben. Selbst Studenten haben oft eine „Seele des Hauses“ wie die Frauen genannt werden. Ein Jahr lang wohnte ich mit zwei Mexikanerinnen in Monterrey, der nördlichsten Industriemetropole des Landes. Anfangs war es schwer für mich, mich an die fremde Frau zu gewöhnen, die zwei Mal wöchentlich im Haus herumlief und der ich beim Frühstückmachen in der Küche, im Bad oder auf der Terrasse fast auf die Füße trat. Es war mir unangenehm, dass jemand mein Geschirr abwusch und mein Zimmer fegte, ich ärgerte mich darüber, Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz zu finden, und ich versteckte meine Wäsche im Schrank, damit die Fremde sie nicht für mich wusch.
Neben der Putzfrau kam in der Mitte der Woche außerdem noch eine andere Frau ins Haus. Es dauerte einige Wochen bis ich verstand, dass diese nur für eine (!) meiner Mitbewohnerinnen arbeitete, hauptsächlich, um ihr Essen zu kochen, denn zu putzen war nach einem vergangenen Tag natürlich nichts. Auch diese Frau störte mich, aber wenigstens musste ich sie nicht bezahlen.
Als der Sohn unserer (also auch meiner) Putzfrau krank wurde, stand der Haushalt vor einem Problem, denn vertrauenswürdiges Reinigungspersonal gab es wenig. Als endlich jemand gefunden war, wurde die Lage noch unübersichtlicher: während die vorherige Señora immer Montags und Donnerstags kam und die Privatköchin bzw. -putzfrau meiner Mitbewohnerin am Mittwoch, hatte die Neue Montags keine Zeit und kam stattdessen dienstags. So kam es zu folgender Situation: Dienstags kam von nun an die Neue, Mittwochs die Private und Donnerstag wieder die Neue. Da am Dienstag geputzt wurde (normalerweise blieb die Putzfrau 4-5 Stunden im Haus) gab es Mittwochs außer des Essen Vorbereitens nichts mehr für die Privatputzfrau zu tun. Da sie jedoch nicht fürs Nichtstun bezahlt wurde blieb auch sie, wischte, fegte, trocknete mal hier und mal dort etwas. Dasselbe Dilemma hatte auch die Neue, denn von der Reinigung am Dienstag und dem Phantomputz vom Mittwoch war am Donnerstag natürlich auch keine Arbeit zu finden. Erschwerend kam noch dazu, dass die neue Señora ihren Job unzureichend erledigte: die Bäder machte sie auch auf mehrmalige Anfrage überhaupt nicht sauber und auch der Rest des Hauses wurde nur halbherzig und oberflächlich geputzt. Ich war aufgebracht und konfrontierte meine Mitbewohnerinnen mit der für mich so logischen Frage nach dem Warum. Doch das was für mich so nervenaufreibend unsinnig und verschwenderisch war, erzeugte bei ihnen nicht viel mehr als ein gleichgültiges Schulterzucken. Offensichtlich verbarg sich hinter dem Thema mehr als ich anfangs angenommen hatte. Ich begriff, dass der Konflikt sich nicht auf Logik sondern auf Mentalitätsunterschiede gründete. Es kam gar nicht so sehr darauf an, dass die Frauen ihren Job gut machten, vielleicht ein eher deutscher Anspruch. Wichtiger war, dass das System sich trug. Das Personal war ein Basiselement des sozialen Status, man hatte einfach eine Putzfrau und Basta. Die Privatputzfrau einer der Mexikanerinnen war vor meiner Zeit auch für alle Bewohner zuständig, war jedoch noch schludriger gewesen als die aktuelle. Man hatte es nicht übers Herz gebracht, sie zu kündigen, stattdessen hatte man die Alternative der Privatputzfrau gefunden. Bei der Neuen lief es ähnlich. Welche Wahl hätten sie gehabt, selbst wenn sie ergebnisorientiert gedacht hätten, als sich der Putzplan als ein Programm aus drei aufeinanderfolgenden Tagen herausstellte ? Sie deswegen nicht nehmen? Undenkbar. So übersieht man stattdessen das Rationale. So lässt man die Leute wischen, auch wenn das nur ein Verwischen von Effizienz ist. Man lässt sie waschen, selbst wenn es nur ein Verwässern ist, von Möglichkeiten des Über- und Weiterdenkens. Außer mich stört das niemanden, denn dieses Verwischen und –waschen ist ein Phänomen, dass nicht nur hinter verschlossenen Haustüren, sondern ganz im Gegenteil, in allen sozialen Bereichen mexikanischen Lebens stattfindet und meiner Meinung nach ein Grund ist für viele Probleme, die Mexiko nicht bewältigt bekommt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Brief an Noah Sow

Im Folgenden veröffentliche ich einen Leserbrief, den ich an Noah Sow bzw. an die Redaktion ihres Anfang 2008 erschienen Buches „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus“ geschickt habe. Obwohl ich nicht weiter auf den Inhalt des Buches eingehen werde und der Brief eine direkte Reaktion auf eben diese Inhalte ist, lässt sich bestimmt auch ohne vorherige Lektüre des Buches nachvollziehen, worum es mir bei diesem Thema geht. Da es auf der Seite www.deutschlandschwarzweiss.de leider keine Möglichkeit des aktiven Austauschs besteht, sondern nur vereinzelte Zitate aus Leserbriefen veröffentlicht werden, veröffentliche ich meine Meinung (wo sonst?) eben hier. Und hier nun der O-Ton:

Liebe Noah,

ein weißer Freund hat dein Buch gelesen und mir davon erzählt. Das hatte zur Folge, dass eine vierstündige Busfahrt uns sehr kurz vorkam. Er hat mir viele Fragen gestellt, ich habe ihm von meinen persönlichen Erfahrungen erzählt, und ein paar Wochen später hat er mir dein Buch in die Hand gedrückt, damit ich es ganz lese. Ehrlich gesagt war ich nicht allzu interessiert, schließlich (wie du es ausgedrückt hast) hatte ich den Film ja schon 15 Mal gesehen, kannte ihn im Grunde auswendig und zugegebenermaßen war es auch nicht gerade mein Lieblingsfilm. Ich habe trotzdem gelesen und dabei ist mir aufgefallen, dass es zwar der gleiche Film werden, ich ihn mir dieses Mal aber mit einem anderen Publikum angucken würde. Und das hat mich dann doch neugierig gemacht. Trotz der vielen alltäglichen Rassismen, denen man als schwarze Deutsche (die ich bin) ausgesetzt ist, konnte ich das Buch schließen mit einem befriedigten „Es dreht sich was in Deutschland“, denn Literatur zum Thema kreuzt immer wieder meinen Weg, und die Machart deines Buches wird dir sicherlich viel Öffentlichkeit vergönnen; weil es eben nicht nur die „Sparten-“Interessierten anspricht, sondern die, die es eigentlich nicht verlangt haben und auch der Meinung sind, sie bräuchten es gar nicht. Ich habe „Deutschland Schwarz Weiß“ in zwei Tagen gelesen und obwohl ich als „Betroffene“ (ich setze das in Anführungszeichen, denn ich fühle mich nicht als Opfer und im Übrigen gefällt mir der Ton des Buches gerade deswegen, weil es uns Schwarzen keine Opferrolle zuschanzt) sowohl Prolog, retardierendes Moment und Schluss bereits kannte, denke ich beim Duschen, Wäsche aufhängen oder vorm Einschlafen noch darüber nach, und es kommen mir Fragen, Einwände und ergänzende Kommentare. Und weil ich nicht so gerne schizophrene Selbstgespräche führe, schreibe ich dir diesen Brief.

„Wo kommst du her?“, „Darf ich mal ein Foto von dir schießen?“ Haare anfassen, glotzen und dabei zur Salzsäule erstarren, diese Dinge passieren mir jeden Tag, und die Anzahl solcher Vorfälle wächst potentiell mit den Stunden, die ich auf der Straße verbringe – allerdings befinde ich mich nicht in Deutschland, sondern in Mexiko. Ich studiere hier Journalismus und dachte, wenn ich Deutschland verlasse und in ein Land voller brauner Menschen gehe (wie soll man die Mexikaner eigentlich nennen? Schwarze sind es ja nun nicht. Sie selbst nennen sich „hijos de la chingada“ = Söhne der Gefickten, aber das dürfen natürlich nur sie selbst tun) würde ich neutraler wahrgenommen werden. Aber denkste, Puppe! In Mexiko bin ich um ein vielfaches mehr Ausstellungsobjekt als ich es in Deutschland bin, was natürlich auch an den anderen historischen Verläufen liegt, denn Mexiko ist kein Einwanderungsland und in seiner ethnischen Bevölkerungszusammensetzung (bezogen auf seine jüngere Geschichte nach der Unabhängigkeit) im Gegensatz zu Deutschland viel homogener. Ein fremd aussehender Mensch ist hier schlichtweg einfach kein Mexikaner, heute jedenfalls noch nicht und auch in naher Zukunft nicht. Aber auch wenn ich hier nicht das Recht habe, mich als inhärenter Teil der Gesellschaft zu fühlen, bin ich als Fremde ständig in Informationszwang – woher kommst du?, Was machst du hier?, Wie lange bleibst du hier?, Wo wohnst du?, Wo ist deine Familie? und in Dauerschleife abgefeuerte Allgemeinplätze über Europa, Deutschland und Hitler nehmen mir meinen privaten Raum, setzen über mein persönliches Ich den ethnischen und kulturellen Stellvertreter, geben dem Mexikaner ein vermeintliches Recht, mich ungehindert ausfragen und anfassen zu dürfen. Phänomene einer rassistischen Behandlung, jedenfalls in Deutschland. (Das Geschilderte passiert jedoch genauso den Weißen hier, nebenbei bemerkt.) Im Gegensatz zu weißen Deutschen haben Mexikaner jedoch kein unbewusstes Herrschaftsdenken, diesem leidlichen Anspruch, der dem (Durchschnitts-)Europäer wohl in die geistige Wiege gelegt wurde. Sie selbst leiden unter Unterdrückung, Rassismus (z. B. ausgehend von den USA oder auch innerhalb des Landes die Mestizen gegen die Indigenen) und unter geistiger und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Was mir hier an Fragen, Deutungen und Wertungen über Europa so aufgetischt wird ist allerhand. Mexikaner sehen (sowie wohl die meisten kolonisierten Völker dieser Erde) Europa als das Höchste der geistigen und kulturellen Schöpfung, Europäer sind nicht nur offensichtlicher reicher, mächtiger und fortschrittlicher als der Rest der Welt, nein, sie sind es offenbar sogar zu Recht! Außerdem sind sie eben auch schöner, schlauer und einfach besser als sie selbst. Positiver Rassismus? Mit jedem Europäer der hier auftaucht verfestigt sich dieses Bild, und beide Seiten geben das ihrige dazu, um den Status Quo weiter zu zementieren. Kein Europäer, der nicht jeden Tag mehrfach Freundschaftsanfragen auf der Straße aufsammelt, denn mit einem Europäer lässt sich das eigene Ego prima aufmöbeln (wer einen Franzosen bekommt hat übrigens den Jackpot geknackt). Und der Europäer würde einen Teufel tun, das auf ihn projizierte Bild in Frage zu stellen, bei allen Vorteilen die er dadurch genießt.

Ähnlich wie sich viele Europäer in so genannten Entwicklungsländern aufführen und ihre Herrschaftsattitüde von dem Glauben ihrer Untergebenen vor Ort gespeist wird, so nährt sich das System aber auch in Deutschland oft genug von beiden Seiten, wenn Schwarze ihre Rollen annehmen (ich rede hier nur vom sog. positiven Rassismus, wobei ich hoffe, dass bald jemand einen angemesseneren und weniger irreführenden Begriff dafür finden wird). Solange zum Beispiel Künstler wie Joy Denalane Alben veröffentlichen, für die sie zur Inspiration nach Südafrika fliegt, um auf der Bühne mit brennenden Mülltonnen vom Elend in den Ghettos von Soweto zu singen, von dem sie keine Ahnung hat oder klischeebeladene, vorurteilsvertiefende Filme wie „Leeroy“ als erste Schwarze Deutsche Komödie auf die Deutschen losgelassen werden oder alles was jung, attraktiv und „exotisch“ aussieht in die hiesigen deutschen Peopleagenturen rennt, um konservativen Unternehmen ein cooles Werbeimage zu verpassen, muss man die Kritik auch dorthin richten und es als symbiotisches System anerkennen, das es oft genug auch ist. Jedem Tierchen sein Plaisierchen, ich will nicht sagen, dass es ab sofort für Menschen mit hybrid-kulturellem Hintergrund verboten sein muss, das zu tun, was man tun will. Ich möchte nur zu bedenken geben, dass die Rollen, die Andersaussehenden in dieser Gesellschaft zugewiesen werden viel zu oft und gern auch angenommen werden.
Du hast geschrieben „Rassismus ist kein schwarzes, sondern ein weißes Problem.“ aber das glaube ich nicht. Rassismus ist ein urmenschliches Problem, und er macht vor niemandem halt, auch lesbische schwarze Behinderte können einem Anderen gegenüber Rassisten sein! Viele Schwule schreien begeistert auf wenn sie meine Haare sehen, sie fetischisieren es als wild, selbstbewusst oder einfach total hip. Aber wo ziehe ich die Grenzen? Bin ich Rassist, weil ich auf Afrohaar stehe? (In Mexiko gibt es übrigens den Glauben, dass man etwas Schönes anfassen muss, damit es nicht verwunschen wird und ihm nichts Böses zustößt.) Fassen Menschen vielleicht auch meine Haare an weil sie, im Gegensatz zu Kontaktversuchen mit anderen, ähnlicher aussehenden Menschen, ein Anknüpfungspunkt sind, um mit mir zu kommunizieren? Weil sie so anders sind als das, was sie gewohnt sind, dass sie es aus Faszination und Neugierde anfassen? (ein urmenschlicher Impuls, dem vielleicht einfach viele verlernt haben, nachzugehen?) Unterstelle ich nicht durch meine negativen Erfahrungen mit Menschen, die mich nicht respektierten, dass die Gründe, mich anzufassen immer zwangsläufig diese selben, nämlich fehlender Respekt und geringe Wertschätzung, sind? Mir haben auch schon indigene, von der mexikanischen Gesellschaft ausgegrenzte und diskriminierte Menschen in die Haare gefasst. Bin ich (als Schwarze) Rassistin, weil ich auf weiße Männer mit grünen Augen abfahre? Ist Boris Becker Rassist weil er immer dunkelhäutige Freundinnen hat? (und wem gegenüber, den Dunkelhäutigen oder den Weißen?) Die Grenzen zwischen persönlichen Vorlieben, Exotismen und Rassismen sind doch so porös, dass man oftmals das eine vom anderen gar nicht unterscheiden kann – genau das ist für mich das heimtückische und so scheiß gefährliche am Rassismus. (Ich empfehle dazu das wunderbare Buch „Achtung Vorurteile!“ von Sir Peter Ustinov, der weltweit drei Lehrstühle zum Thema Vorurteilsforschung ins Leben gerufen hat).

All das geht mir im Kopf herum nachdem ich dein Buch gelesen habe, wobei ich nichts von dem worüber du schreibst verharmlosen oder verwässern möchte, ganz im Gegenteil. Trotz Dauerschleife haben ein paar deiner vielen Beispiele auch mir wieder Kopfschütteln bereitet und ich danke dir dafür, dass ich in Zukunft weniger Energie in das Gegenargumentieren verwenden muss und stattdessen einfach öfters mal dein Buch empfehlen, verleihen oder verschenken kann. (Das geschriebene Wort galt den Deutschen ja schon immer mehr als das gesprochene.) Zum Schluss möchte ich nur noch kurz mein persönliches Lieblingsmedienbeispiel zum Thema erzählen, es stammt (!) aus „Wer wird Millionär“, Deutschlands liebster Primetime Unterhaltungsshow mit Everyones Darling Günther Jauch. Und so trug es sich zu:

Die Kandidatin ist eine Frau mittleren Alters die „in Afrika“ (Details bleiben im Dunkeln* im Dunkeln? Ist das nun schon rassistisch formuliert?) in der Entwicklungshilfe gearbeitet hat. Gefragt nach einem Fluss in Ostdeutschland (rote Wuchtel, gelbe Lahe, schwarze Gähr oder lila Nuther, mal vorsichtig nachgedichtet) muss sie einen Freund anrufen, der AUCH in Afrika in der Entwicklungshilfe gearbeitet hat. Der Kollege am Telefon hat leider nicht die geringste Ahnung und gibt als Entschuldigung noch mal zur Verdeutlichung zum Besten, dass er ja so lange in Afrika gearbeitet hat und sich deshalb (ach so) nicht mit ostdeutschen Flüssen auskenne. Joker vergeigt, Kandidatin enttäuscht. Günther Jauch kommentiert die Situation: „Na super, das hat`s ja gebracht, den können wir ja direkt wieder zurück in den Busch schicken.“. Lachteppich des im Studio sitzenden Publikums und auch die Frau lacht, hi-hi, ha-ha. Was dabei in meinem Kopf herum ging kannst du dir sicherlich denken:

1_ Es musste nicht näher darauf eingegangen werden in welchem Land die Kandidatin gelebt und gearbeitet hat, die Stichworte „Afrika“ und „Entwicklungshilfe“ reichten aus, um uns ein Bild vom heroischen Einsatz der weißen Deutschen zu geben, die armen Afrikanern dabei hilft, sich zu entwickeln.

2_ Günther Jauch, persona non grata der öffentlichen Meinung, glaubt, ganz Afrika bestünde aus Busch.

3_ Busch (also Afrika und die Afrikaner) assoziiert Günther Jauch mit Dummheit und fehlender Bildung, und führt das darauf zurück, dass man irgendeinen x-beliebigen ostdeutschen Fluss nicht kennt. Hätte die Frau den Publikumsjoker gezückt, hätte er die vermutlich so an die 90% Nichtwissenden auch gleich mitverfrachten müssen.

4_ Unnütze Buschdummheit, die das Wissen um ostdeutsche Flüsse ausgrenzt, wollen wir in Deutschland nicht (und schicken es deshalb dahin zurück wo es herkommt, denn aus unseren Reihen kommt das ja sicherlich nicht).

5_ Das Sahnehäubchen: alles lacht mit, nicht nur das Publikum, sondern auch die ja so Afrika erfahrene Kandidatin.

Ich habe weder mein Essen noch dieses Trauerfernsehspiel an diesem Abend gut verdaut gekriegt und habe in den darauffolgenden Tagen vergeblich nach einer Medienreaktion gesucht. Zu dieser Zeit habe ich gedacht, dass es einfach nicht sein kann, dass wir als Schwarze im Gegensatz zu anderen sich als Gruppen bestimmenden Menschen wie Juden, Homosexuellen etc. keine entsprechenden Stellen, also keine Lobby in Deutschland haben. Heute bin ich zuversichtlich, dass es diese Stellen in Zukunft geben wird wenn es weiterhin Leute gibt wie dich, die sich trotz festgetretener Erde ans Umgraben des Gartens machen. Beim nächsten Mal packe ich mit an und schreibe nicht dir mein Beispiel von „Wer wird Millionär“, sondern richte das Wort an Herrn Jauch und den betreffenden Verantwortlichen von RTL persönlich.

Danke für den konstruktiven Aktivismus und die Inspiration! Viele Grüße und gute Vibrations für 2009,

Gigi Fakunmoju

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus. C. Bertelsmann Verlag 2008

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

In the mood for love

Die Industriemetropole Monterrey ist die zweitgrößte Stadt Mexikos, ist nicht gerade das, was man als Europäer mit hohem Lebensstandard verbinden würde. Für die Einwohner ist das anders. Denn nirgendwo sonst ist das Pro-Kopf-Einkommen so hoch, gibt es soviel Arbeit, haben die Menschen so viel Geld. Monterrey ist die teuerste Stadt Mexikos und bezahlt seine kapitalistische und US-orientierte Stadtstruktur offenbar mit dem fast gänzlichen Fehlen von Kulturraum. Trotz der mehr als vier Millionen Einwohner ist der Zirkel an Kunst- und Kulturschaffenden höchst überschaubar: Außer den großen, repräsentativen Museen existieren kaum unabhängige Galerien und das Theater beschränkt sich fast ausschließlich auf flache Volkskomödien. Die Kinolandschaft besteht aus genau zwei in ganz Mexiko verbreiteten Ketten mit überwiegendem Mainstream Programm. Hinterher tröpfeln nur vereinzelte Vorführungen in den spärlich gesäten, alternativen Kulturzentren.
Eines dieser besagten Zentren fiel mir eines Tages ins Auge. Gezeigt werden sollte „In the mood for love“ von Wong Kar-Wai, jener Film um die hoffnungslose Liebe zwischen zwei mit jeweils anderen Partnern verheirateten Menschen. Um diese cineastische Bildungslücke zu schließen, machte ich mich mit einer Freundin auf die Suche nach dem Kino. Angekommen waren wir ganz verzückt – der Ort war mehr Videothek als Kino und hatte alles was das Herz des Filmfreundes begehrt im Repertoire. Da standen von Triers neben Buñuels und Godards neben Allens, alle säuberlich aufgereiht und bereit zur Ausleihe. Zu alldem Überfluss bot der Laden sogar Kaffee an (eine Café-Kultur gibt es in Monterrey nämlich auch nicht. Außer man möchte Starbucks und das McCafé als solche bezeichnen). Im Kaffee- und Kinohimmel stöberten wir uns erstmal durch die Regale. Außer uns und dem semiverpeilten Typen, der die Kaffeemaschine betätigte, war kein Schwein im Laden und unser Ansprechpartner machte auch kurz vor Vorstellungsbeginn keine Anstalten, Instruktionen über den weiteren Verlauf des Kinobesuchs zu geben. Ich sprach ihn also selbst an und fragte nach dem Film. „Welcher Film?“ „Na, In the mood for love.“ Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. Ich zeigte ihm die Ankündigung in meiner Zeitung. „Ach so. Ja gut, dann guckt euch den halt an“, sagte der Semiverpeilte und suchte das Regal gemächlich nach dem Film ab, zog ihn schließlich heraus und verschwand in einen der hinteren Räume. Als er zurückkam war er für seine Verhältnisse richtig begeistert und verkündete: „Es sind noch zwei andere Leute gekommen, ihr könnt im großen Saal gucken!“
Der große Saal stellte sich heraus als ein drei Mal drei Meter großer Raum mit Flachbildfernseher und DVD-Player, zwei Sofas und einem spießigen Couchtisch mit mittig positionierter Blumenvase. Ein sensationeller Moment. Die angekündigten anderen, ein eng aneinander gefläztes und uns feindselig beäugendes Pärchen, hatte sich bereits vorm Bildschirm postiert (komisch, wo und wie waren die denn unbemerkt reingekommen? Hatte ich doch die Veranstaltungsinfo als Erste brandheiß ans Fachpersonal weitergegeben). Wir setzten uns auf das noch freie Sofa, begrüßten das Pärchen und bestellten beim Semiverpeilten die obligatorischen Dosenbiere. Dann legte er noch den Film ein, erklärte uns die Fernbedienung und ab der Film. Die große Ernüchterung kam dann nicht nur durch das aufmüpfige Aufsurren der Klimaanlage, die bei 38 Grad Außentemperatur unerbittlich 15 Grad kalte Chemoluft in den Raum blies, sondern auch durch „In the mood for love“ selbst. Ich hatte verdrängt, dass ich den Film schon mindestens fünf Mal auf den deutschen dritten Kanälen zu einem Viertel oder Achtel gesehen hatte und dass er mich nie wirklich überzeugt hatte. Hier konnte nun leider nicht umschalten und so inspizierte ich aus Mangel an Alternativen diese ziemlich abstruse Räumlichkeit etwas genauer.

Neben der Tür, durch die wir hereingekommen waren, gab es noch eine andere Tür, die, pikant pikant, in ein kleines Badezimmer mit Dusche führte. Außerdem war die Außentür doch tatsächlich mit einem Riegel von innen verschließbar! Der eigentliche Sinn dieses Etablissements war nun auch uns klar, und siehe da, jetzt erklärte sich auch der pathologische Gesichtsausdruck des gelangweilt Erdnüsse vertilgenden Pärchens auf Sofa Número Uno. Das Pärchen hatte den Titel des Films sicher nur als illustres Beiwerk gewählt und wir hatten ihnen die Nummer ordentlich versaut. Halb erfroren suchten wir noch während des Abspanns verschämt das Weite und auf dem Weg nach draußen fiel mir noch der lange Flur mit den vielen anderen Türen auf, die wohl zu den „kleinen Sälen“ führten.

Das Aufspüren von Kulturbetrieben war in Monterrey immer schon ein Abenteuer gewesen, wenngleich es nicht immer so kafkaesk zuging wie an diesem Abend. Später nachgefragt fand ich heraus, dass vielen jungen Mexikanern in Monterrey das Motel im Videothekenkostüm natürlich bekannt ist. Für unser Pärchen, das wir durch unsere Anwesenheit gezwungen hatten, den Film anzusehen, war das Gezeigte dann wohl weniger illustre Untermalung als ironisches Reality TV: nach einem gescheiterten Treffen in ihrem „Hotelzimmer 2046“ trennten auch sie sich an diesem Abend sehnsüchtig, um frustriert zurückzugehen in ihr eigenes Dogma, also in ihre Familien, von denen so viele den vorehelichen Sex nach wie vor als Sünde verurteilen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Weihnachten auf mexikanisch – ein Augenzeugenbericht

„Abre las ventanas al amor“ heißt ein schreckliches Lied, das die mexikanische Tante meiner ebenfalls mexikanischen Mitbewohnerin Ana Victoria zu singen pflegt. Übersetzt bedeutet der Titel soviel wie „Öffne die Fenster, um die Liebe hereinzulassen“, und während man das singt, schwingen beide Arme über dem Kopf bedächtig von einer Seite zur anderen. Dieses Lied, das mich stark an den Drogenersatz für kurz vorm Nervenzusammenbruch stehende Mitvierzigerinnen im Selbstfindungsseminar erinnert, war der Soundtrack zu meinem diesjährigen Weihnachtsfest, das ich in Torreón im mexikanischen Bundesstaat Coahuila verbringen durfte. Den Namen der Tante vergesse ich seit einem Jahr immer wieder weil sie bei mir nur Coliflor heißt. Das ist das spanische Wort für Blumenkohl und den Namen hat sie von mir verpasst bekommen weil sie ständig versucht, eine interkulturelle Brücke zu mir zu schlagen mit Fragen wie: „Sind in Deutschland alle Menschen traurig?“ oder solchen Infos: „Das ist eine mexikanische Suppe, man isst sie aus einem tiefen Teller.“ Oder sie holt eben mit feierlichem Gesichtsausdruck (zwischen ihrer lustigen Knollnase und dem sonst auf der Nase aufliegenden Stück der Brille klemmt ein dickes weißes Taschentuch) einen Blumenkohl aus dem Kühlschrank, deutet darauf und sagt dann ganz langsam und für mich didaktisch nachvollziebar „CO-LI-FLOR“. Diese Tante jedenfalls hatte das Lied nicht aus dem Selbstfindungsseminar (Selbstfindung ist für die mexikanische Durchschnittsfrau auch gar kein Thema), sondern aus der Kirchengruppe, denn wie fast jeder mexikanische Haushalt ist auch dieser streng katholisch. Meine Mitbewohnerin hatte mir im Vorfeld schon erklären wollen wie Weihnachten in ihrer Familie vonstatten geht, was aber nur so semi-klar bei mir ankam (und das lag dieses Mal nicht an sprachlichen Hindernissen). Die Farben des Festes würden jedenfalls Blau und Silber sein, außerdem musste ich mir noch eine persönliche Farbe aussuchen. Seit Jahren hatte jedes Familienmitglied seine eigene Farbe (Ana Victoria hatte Palmengrün, Onkel Sergio Giraffengelb, Mutter Pili Haifischblau etc. ) und ich entschied mich im zweiten Anlaufversuch (denn der erste scheiterte mit meiner Wahl auf Blutorange, das in der ganzen Stadt nicht zu kriegen war und fast in einem unterzuckerten Hysterieanfall geendet wäre) für Schlumpftürkis.

Der erste Balanceakt des großen Festes bestand darin, alle geladenen Gäste um 19 Uhr zusammenzurotten, damit ein von der Regionalzeitung bestellter Fotograf die Fotos schießen konnte (nebenbei bemerkt ist es eine mexikanische Eigen- bzw. Abart, sich und seine Familie bei den hoch frequentiert stattfindenden Hochzeiten, Taufen, Feiern zum 15. Geburtstag o. ä. geschniegelt und gebügelt in Lokalzeitungen ablichten zu lassen). Im Endergebnis waren auf den Fotos Mutter, Vater und Ana Victoria, Coliflor und ihr Mann mit ihren drei erwachsenen Kindern und deren Ehepartnern in spe (zwei davon leben in den USA) und ich zu sehen. Es fehlten der jüngst Vater gewordene Bruder meiner Mitbewohnerin mit seiner von allen verschmähten Ehefrau, ihre gerade zur Welt gekommene Tochter und die Licenciara, noch eine Tante, deren wirklichen Namen ich nicht kenne, weil mit der erworbenen Licenciatura (Universitätstitel) der ursprüngliche Name meist hinfällig wird. Die noch duschende Licenciara und der erst eine Stunde später aufgetauchte Bruder mit Anhang waren dementsprechend erstmal mufflig. Im Anschluss folgte der obligatorische Kirchenbesuch, dieser war jedoch nach Angaben von Ana Victoria in diesem Jahr etwas anders als sonst, weil keine Krippe mit darin liegendem Jesuskind aufgebaut war, zu der jeder der Lust hatte pilgern konnte, um einen Jesus-Kuss gegen eine Hersheys Schokopraline einzutauschen.
Zurück zu Hause ging die Fotosession in die nächste Runde, jetzt waren alle vollzählig und das musste ausgenutzt werden. Das anschließende Essen bestand aus Truthahn, einem köstlichen Hackfleischgericht mit Rosinen, Mandeln und Oliven, außerdem gab es Ofenkartoffeln, merkwürdige Schmand-Spaghetti (die Zubereitung von Nudelgerichten gehört nicht gerade zu den Highlights der mexikanischen Küche) und dem aus Torreón bekannten „pan francés“, weißen pappigen Brötchen, die mit französischem Brot in etwa so viel zu tun haben wie das in Deutschland bekannte Desperados Bier. (Ich erinnere mich an einen Franzosen der, von einem Mexikaner auf das pan francés angesprochen, erwiderte, ja, sie hätten alle möglichen Brote in Frankreich, alle möglichen, nur das, das hätten sie nicht.) Ohne fühlbare Pause wurde der Tisch dann noch mit Kuchen, Keksen und mit von mir mitgebrachter deutscher Schokolade gepimpt, die vielen Tafeln Milka Schokolade, Ferrero Küsschen, Amicelli und Hanuta waren innerhalb kürzester Zeit ebenfalls vom Tisch und in die übervollen Mägen gefegt. Zu meinem größten Amüsement blieb nur die Tafel mit Chile Geschmack liegen, eine völlig geisteskranke Kombination für ein Volk, das die verschiedensten Sorten von Chile kennt und die Schote in unzähligen Speisen als Hauptgewürzmittel verwendet.. aber so doch bitte nicht!

Die Zeremonie klimperte so dahin mit zahlreichen Aktivitäten wie diversen Kartenspielen (alles im christlich-religiösen Kontext versteht sich), dem feierlichen Kollektiv-Verspeisen eines Kekses (Symbol für den Stern der Hoffnung), dem Singen von diversen Liedern (Abre las ventanas al amoooorr), einigen Action Performances der Licenciara und das in den Himmel schicken von Luftballons (meiner war natürlich schlumpftürkis) mit anschließendem sich was wünschen (etwas Materielles und etwas Ideelles, so die Vorgabe). Dann, es war schon nach Mitternacht, kam endlich die Geschenkübergabe. Zu meiner Befriedigung war ich nicht die einzige, die die komplizierte Gabentechnik nicht verstanden hatte, denn ständig griff die falsche Hand ins rosa Körbchen und wurde dann unter lautstarkem Geschrei doch noch davon abgehalten, einen goldenen Stern mit dem nächsten Namen herauszufingern. Das ganze dauerte dann auch, wie so ziemlich alles was man in Mexiko so macht, seine eigene, kleine Ewigkeit (schließlich musste die Zeit des Fotografierens von Geschenk mit Schenkendem und später dann noch mit dem Beschenktem einberechnet werden) und weil es schon recht spät war, lag ständig jemand schlafend oder nur noch körperlich anwesend in der Ecke. Im Anschluss gab es dann die sogenannten Chuscos, die Witzgeschenke. Das dauerte noch länger als die eigentliche Session, denn zum Chusco Schenken gehört eine lang vorgetragene Vorgeschichte, eine Showähnliche Übergabe und im Anschluss viel herzliches Gelächter. Es muss so halb vier gewesen sein als dann doch alle Geschenke von der Treppe verschwunden waren und man zum letzten Programmpunkt überging: das Anwerfen der eigens für diese Nacht angelieferten Karaoke Maschine, ein Vieh mit dem Ausmaß eines Spielautomaten und mit einer Auswahl an mexikanischem Liedgut, die die Beteiligten bis zum Morgengrauen locker beschäftigen konnte.
Am nächsten Tag wurde dann noch auf die traditionelle Piñata, ein mit Süßigkeiten gefülltes Pappmaché-Gebilde, eingeschlagen, dessen strahlenförmige Arme die sieben Todsünden symbolisieren (nach diesen gefragt fiel den meisten gefragten Familienmitgliedern aber bezeichnenderweise nur Völlerei und Ehebruch ein). Coliflor war die letzte am Zug, sie postierte sich mit ihrer Augenbinde vor der Piñata und mit schwerfälligen Schlägen irrte der Piñata-Stab durch die Luft bis er das nur noch an einem Faden hängende malträtierte Etwas schließlich vom Seil schlug. Es gibt Bilder, die vergisst man im Leben nicht, die brennen sich auf die Netzhaut; und eines davon ist für mich die so liebenswert plumpe, tiefgläubige Coliflor, die beseelt durch ihre Durchschlagskraft und wie vom Teufel besessen auf die am Boden liegenden Pappreste eindrischt und der Familienchor dazu „Abre las ventanas al amor“ singt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen