„Keine Angst mehr“

In der neuen ägyptischen Regierung sind weniger Frauen vertreten als in der Ära Mubarak. Die Menschenrechtlerin Basma AbdelAziz über verlorene Wahlen und gewonnenes Selbstbewusstsein.

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Basma AbdelAziz ist Autorin und Aktivistin und arbeitet als Psychiaterin am Nadim Center für Opfer von Gewalt und Folter. Ihr Buch „Temptation of Absolute Power“ beschreibt das Verhältnis zwischen Polizei und Zivilbevölkerung und wurde während der Revolution auf dem Tahrir Platz verteilt.

Gestern hat das erste frei gewählte ägyptische Parlament seine Arbeit aufgenommen. Für wen haben Sie gestimmt?

Am Tag der Wahlen war ich gerade inmitten einer Demonstration gegen das Innenministerium und wurde mit Kugeln und Tränengas beschossen. Ich hielt es für falsch, in dieser Situation Wahlen abzuhalten und habe deshalb bei den Parlaments- und bei den Präsidentschaftswahlen ungültig gewählt.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Nein. Im Parlament ist die Hälfte der Sitze an die Muslimbrüder gegangen und etliche weitere an die Salafisten. Die Muslimbrüder hatten versprochen, nicht für mehr als die Hälfte der Parlamentssitze zu kandidieren, taten es doch und haben noch mehr Sitze gewonnen. Sie wollten auch keinen Präsidentschaftskandidaten aufstellen, präsentierten dann aber gleich zwei. Der erste wurde von der Wahlkommission ausgeschlossen aber Mohammed Mursi hat es ins Präsidentenamt geschafft. Die Menschen hatten die Wahl zwischen Mursi und den Militärs, eine echte Alternative gab es nicht.

Die Islamisten stellen den Präsidenten und 70 % der Abgeordneten im Parlament. Sind sie die Gewinner der Revolution?

Bis jetzt. Aber der politische Islam verliert tagtäglich an Anziehungskraft. Die Menschen merken, dass die Muslimbrüder ihre Versprechen nicht halten. Wenn Sie heute normale Leute auf der Straße fragen, ob sie mit den Muslimbrüdern zufrieden sind, werden sie „nein“ hören.

Nur 12 Parlamentssitze gingen an Frauen, die Quote wurde abgeschafft. Sind die Frauen die Verlierer der Revolution?

Ich wiederhole mich: Bis jetzt. Wir haben nur 2 % der Sitze im Parlament und diese wenigen Politikerinnen gehören der Muslimbrüderschaft an. Dennoch: Einfache ägyptische Frauen, die weder Politikerinnen noch Aktivistinnen sind, sprechen plötzlich über ihre Rechte. Sie wollen keine Regierung, die ihr Leben kontrolliert. Die Bloggerin Aliya el-Mahdy hat sich als erste Ägypterin nackt im Internet gezeigt, Samira Ibrahim hat gegen Jungfrauentests geklagt. Die Frauen haben keine Angst mehr. Diese Entwicklung kann die Regierung nicht wieder rückgängig machen.

Die konservativen Parteien gewinnen an Macht, gleichzeitig wächst das Selbstbewusstsein der Ägypterinnen. Wie passt das zusammen?

Wie Sie selbst sagen: es passt nicht zusammen, es ist ein Kampf. Und wie nach jedem Kampf wird es am Ende einen Verlierer und einen Gewinner geben.

Interview: Georgina Fakunmoju und Kaveh Kooroshy

 

 

 

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Über moehrenstrasse

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und Journalismus in Monterrey, Mexiko. Hospitationen u. a. bei SPIEGEL, ZDF, NDR, Radio Bremen und BILD, darüber hinaus Veröffentlichungen u.a. bei Tagesspiegel und dpa. Freie Journalistin und Online-Redakteurin bei der Werkstatt der Kulturen in Berlin.
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