Schwein gehabt!

Endlich richtig Sommer in Deutschland! Über 30 Grad! Juhu! Einziger aber schwerer Haken: ich habe Grippe. Badewanne statt Prinzenbad, Hühnersuppe statt Brombeereis, „Das perfekte Dinner“ statt Grillen im Park. Nur das Schwitzen habe ich an diesem angeblich heißesten Tag des Jahres mit den mir unerträglich fröhlich und agil erscheinenden Berlinern gemeinsam. Nach nunmehr geschlagenen drei Tagen, in denen ich sehr geschäftig zwischen Bett und Sofa hin- und herpendle, habe ich mittlerweile den Kontakt zur Außenwelt gänzlich abgebrochen. Denn mein Krankheitsfall macht offenbar nicht nur mir, sondern auch meiner Umwelt arg zu schaffen. Grund dafür ist nicht etwa Anteilnahme, sondern eine ausgemachte, weltweit verbreitete Krise namens: SCHWEINEGRIPPE.

Ach, du bist krank? Na hoffentlich ist es nicht die SCHWEINEGRIPPE!

Dein Mitbewohner war zuerst krank? Dann ist er wohl Mexikaner und hat die SCHWEINEGRIPPE eingeschleppt!!

Warst du schon beim Arzt? Du weißt ja, mit der SCHWEINEGRIPPE ist nicht zu spaßen!!! 

Manchmal kommt auch nur (und das hört sich für mich schon fast an wie eine versprachlichte Übersetzung von „oink-oink“):

Krank? SCHWEINEGRIPPE- SCHWEINEGRIPPE!!!!

Dabei schnalzt das Reizwort wie eine Kampfsalve über die Zunge, dringt über mein sensibles Ohr ins Hirn, um dann an meinen geschwollenen Mandeln vorbei in den eigentlich von der Grippe verschonten Magen zu wandern und diesen gehörig umzudrehen. Natürlich ist das alles nur ein „Witz“ (wobei sich mir immer wieder die Frage stellt, was daran so verdammt witzig sein soll). Und da ja in jedem Witz eine gewisse Portion Ernst mitschwingt (im Grunde macht der Ernst den Witz ja erst möglich) kann man im Fall der Schweinegrippe beispielhaft ablesen, wie mediale Konditionierung funktioniert.

Als die ersten Fälle der Grippe im April 2009 aufkamen, war das für die Medien ein gefundenes Fressen. Tonalität und wenig faktenreiches Material machte den täglichen Nachrichtenkonsum zur Seifenoper, die in punkto Spannung einem Wolfgang Petersen Streifen problemlos das Wasser reichen konnte. Im raunenden, apokalyptischen Crescendo verkündete die Sprecherstimme die Zahlen der vermeintlich Neuinfizierten. Im Nu hüpfte H1N1 über den weitgehend Mexikaner-resistenten Zaun hinüber zu unseren US-amerikanischen Freunden, und in Windeseile bahnte sich der Virus auch seinen Weg nach Europa, nach Deutschland und, wie schamlos!, sogar ins mallorquinische Ferienparadies. Während die Menschen in Deutschland sofort panisch durcheinander grunzten, wurde der Ausbruch der Krankheit in Mexiko mit der landestypischen Gelassenheit hingenommen. Neben den verteilten Mundschutzen gab es eine Woche schul- und vorlesungsfreie Zeit und nicht zuletzt eine Menge neuer Witze. Bis auf diese ist von dem pandemischen Ungeheuer nicht viel übrig im mexikanischen Alltag. Die vorerst angenommene Zahl von fast 70 Toten wurde kleinlaut auf 7 herunterkorrigiert, in Deutschland verlief noch kein einziger Fall tödlich. Doch der Homo Phobikus im Endstadium lässt sich von solch langweiligen Zahlen nicht das Haar aus der Suppe nehmen; vor irgendetwas muss man ja Angst haben wenn es schon keine Drogenkartelle, Kriege oder Umweltkatastrophen gibt! Da kommen Terror, Feinstaub und Schweinegrippe doch gerade recht. (Neulich, aber das nur am Rande, bekam ich doch tatsächlich einen Anruf aus den Reihen der äußerst fadenscheinigen Partei Bürgerrechtsbewegung Solidarität [BüSo], die mir auf Mitgliederfang weismachen wollte, dass ein erheblicher Prozentteil der Menschheit in nur wenigen Jahren durch die Schweinegrippe ausgerottet sein wird, wenn wir nicht endlich ihren selbsternannten Heiland Lyndon Larouche an die Macht ließen.)

Wie erfolgreich das Geschäft mit der Massenpanik ist, zeigt in diesen Tagen auch die Berichterstattung über die neue Impfung gegen die Schweinegrippe: Mit Priorität auf den gesellschaftlichen Risikogruppen kann sich nun jeder Deutsche, der denn will, gegen Schweinegrippe impfen lassen. Satte 500 Millionen Euro lässt sich das die Bundesregierung vorerst kosten. Pharmariese Novartis (der übrigens immer noch auf Impfvorräten gegen die Vogelgrippe hockt) teilt sich die gigantischen deutschen Umsätze mit nur einem Mitstreiter. So ist innerhalb von nur vier Monaten ein höchst profitabler Markt entstanden, der der Nachfrage kaum nachzukommen vermag. Zwar haben etliche Länder bereits Bedarf an dem Impfstoff angemeldet. Doch es zeichnet sich bereits ab, dass ärmere Länder, die aufgrund mangelnder hygienischer Bedingungen und schwächerer Gesundheitssysteme eigentlich schneller mit dem Impfstoff versorgt werden müssten, keinen gerechten Anteil daran abbekommen werden. 

Einziger Trost in diesem Szenario bleibt, dass mir durch den Impfstoff nun endlich ein süffisante Antwort zur Verfügung steht, um Phobikern und Spaßvögeln gebührend zu begegnen: beim nächsten Erkältungswehwehchen, bei dem man mit dem Schweinegrippenfinger auf mich zeigt, entgegne ich einfach:

Ach QUATSCH, da gibt es doch jetzt diesen IMPFSTOFF gegen. Habe mich natürlich SOFORT BEHANDELN lassen – sag mir jetzt BITTE nicht, dass DU nicht GESCHÜTZT bist…?!?

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Über moehrenstrasse

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und Journalismus in Monterrey, Mexiko. Hospitationen u. a. bei SPIEGEL, ZDF, NDR, Radio Bremen und BILD, darüber hinaus Veröffentlichungen u.a. bei Tagesspiegel und dpa. Freie Journalistin und Online-Redakteurin bei der Werkstatt der Kulturen in Berlin.
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