Die „Türkin“ Marwa Al-Scherbinis

Wie viele andere Deutsche erinnere ich mich noch gut an den Fall kurz vor Weihnachten 2007, als zwei Jugendliche einen Rentner in der Münchener U-Bahn brutal zusammenschlugen. Besondere Brisanz und Medienaufmerksamkeit gewann der Fall dadurch, dass die jungen Männer, ein Türke und ein Grieche, Migranten waren: wochenlang musste man mitverfolgen, wie über härtere Strafen für von Migranten verübte Gewalttaten debattiert wurde und der Vorfall für den anstehenden Wahlkampf ausgeschlachtet und instrumentalisiert wurde. Verdächtig lethargisch zeigte sich hingegen die Berichterstattung im Fall von Mirwa Al-Scherbinis: die erste von einem Deutschen begangene Straftat, die explizit islamophob-rassistisch motiviert war, wurde in den hiesigen Medien bestenfalls als Randthema behandelt. Eine schwangere Frau und Mutter mit ägyptischem Hintergrund wird auf einem Spielplatz als Islamistin, Terroristin und Schlampe beschimpft, sie wehrt sich mit einer Anzeige und wird dann während des Prozesses mit 18 Messerstichen mitten im Gerichtssaal von ihrem Aggressor getötet. Al-Scherbinis Ehemann wird beim Versuch, seiner Frau zu Hilfe zu kommen, ebenfalls vom Täter verletzt und von der Gerichtsaufsicht angeschossen, die den Mann irrtümlich für den Gewalttäter hielt. So ungeheuerlich die Tat umso verdächtiger das Schweigen der Politführung und die verhaltene Stellungnahme der öffentlichen Meinung: eine Woche lang war seitens der Regierung kein Kommentar zu vernehmen, bis auf wenige Medien blieb der Fall Marwa Al-Scharbinis bestenfalls Randthema der Berichterstattung. Innenminister Schäuble, der im Juni auf seiner selbst ins Leben gerufenen Islamkonferenz noch gönnerhaft verlauten ließ, die Muslime seien nun (wir haben 2009) ein Teil Deutschlands geworden, fühlte sich offenbar zu keiner Aussage berufen, Frau Merkel überließ über einer Woche nach der Tat einem Vizepressesprecher die Arbeit. Erst jetzt, wo der Fall in Ägypten für einen handfesten Skandal gesorgt hat und die so bemüht weiß gehaltene Weste Deutschlands auf dem Spiel steht, hat sich Frau Merkel zu Gesprächen mit Ägyptens Präsident Mubarak angebiedert. Den Vorwurf einer islamfeindlichen deutschen Gesellschaft wird sie auf diesem Wege jedoch nicht entkräften können, wohl erst recht nicht bei den deutschen Muslimen. Denn das schamlose Desinteresse der Öffentlichkeit an dem Fall zeigt vor allem eins: dass Islamophobie und Rassismus gegenüber Muslimen ein gesellschaftsfähiges Breitenphänomen geworden sind.

Wer nicht völlig taub auf den Ohren ist dieser Tage kann „Türken“-feindlichen Gesinnung an so manch einer Ecke begegnen, selbst in meinem Heimatbezirk Kreuzberg. Dazu sei bemerkt, dass „die Türken“ gemeinhin gern definiert werden durch den Phänotyp schwarzes Haar mit dunklen Augen und Augenbrauen. Bei Männern kommen zusätzlich buschige Voll- oder Schnurrbärte, bei Frauen wahlweise auch Kopftücher dazu. Nicht zu verwechseln sind „die Türken“ mit zugezogenen Spaniern oder Italienern, denn die grenzen sich durch den glorifizierten Neu-Berliner Straßenschick von „den Türken“ deutlich ab. So werden Libanesen, Kurden, Araber, Albaner und wer weiß wer sonst noch alle mit in den Türkentopf geworfen. Der fungiert dann, nimmt man noch die Drogenabhängigen vom Kotti, die Klezmer-klampfenden Roma und Sinti und die Autonomen und Penner vor Kaisers dazu, als Szenenbild für das so hedonistische und kreative, skurrile und herrlich billige Berlin, das so schön passt zum neu definierten Leben als Künstler und Gammler. Aber es ist nicht nur das Szenario Neu-Berliner und Türken auf dem Wochenmarkt, an dem man sich fragen muss, was Herr Schäuble mit „Integration auf den Weg bringen“ wohl meint. Auch manch ein Alteingesessener, der in der Stadt mit der dritthöchsten Anzahl türkischen Mitbürger weltweit aufgewachsen ist, geizt nicht mit Vorurteilen; sobald das Thema auf „die Türken“ kommt, gehen die Menschen erschreckend unverhohlen mit ihrer Fremdenfeindlichkeit um. Zur Illustration hier nur einige Beispiele der letzten Zeit:

Sebastian hat was gegen Türken und steht dazu. Ihm wurde schon zwei Mal von Türken das Handy aus dem Rucksack geklaut.

Ich erzähle Christoph, dass ich nach Istanbul fahren werde, die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: was willst du denn da, `ne Dönerproduktion besuchen?

Rayan, deren Mutter in Tunesien geboren wurde, wohnt in Kreuzberg auf der Grenze zu Friedrichshain. Ich erzähle ihr, dass ich lange in Schöneberg gewohnt habe. Sie kennt sich da nicht aus, weil auf ihrem Zugezogenen-Index nur Prenzlauer Berg, Kreuzkölln, Mitte und Friedrichshain vermerkt sind. Ein Kommentar hat sie trotzdem parat: da würde ich im Leben nicht hinziehen, viel zu viele Türken!

Katharina erzählt von ihrer tollen Wohnung. Auf Nachfrage, wo die Wohnung denn sei, erwidert sie: in Neukölln, na ja, die Gegend ist nicht so (Gesichtsausdruck sagt: du weißt schon was ich meine), aber die Wohnung an sich ist ein Traum, superbillig und bei uns (Blick und Stimme werden gesenkt): keine Türken im Haus.

Wer das harmlos findet, kann sich die selben Beispiele ja mal mit Juden vorstellen. Ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber, dass man ausgerechnet bei mir, die mit alltäglichen Rassismen relativ gut vertraut ist, solch dämliche Kommentare ablädt. Zum einen zeigt das noch klarer, wie unbedarft und verharmlosend mit dem Rassismus gegen „die Türken“ umgegangen wird, denn die Mehrheit der Gesellschaft würde ihn als solchen gar nicht identifizieren (was am Rande bemerkt die tückischste Eigenschaft des Rassismus ist). Zum zweiten offenbart dieses Verhalten die unbewusste Überlegenheitsattitüde: Du bist eine von uns, dich akzeptieren wir – wovon wir reden sind die anderen.

Welches Land wenn nicht Deutschland müsste sensibilisiert sein auf die rassistischen Tendenzen, die sich in seiner Gesellschaft breit machen? Der Fall Marwa Al-Schabiris hätte weitgehende mediale Aufmerksamkeit erregen, er hätte Missstände benennen und Diskussionen anregen müssen und ein deutliches Zeichen setzen müssen gegen die weit verbreitete Islamophie im Land. Die Reduzierung auf eine Gewalttat aus dem radikal-nazistischen Lager und die Ignoranz der Umstände, die zu der Tat führten, zeigen jedoch leider nur, dass Deutschland viel weniger dazu gelernt hat, als es der Welt so gern weiß machen will.

Über moehrenstrasse

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und Journalismus in Monterrey, Mexiko. Hospitationen u. a. bei SPIEGEL, ZDF, NDR, Radio Bremen und BILD, darüber hinaus Veröffentlichungen u.a. bei Tagesspiegel und dpa. Freie Journalistin und Online-Redakteurin bei der Werkstatt der Kulturen in Berlin.
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