Zur Ausstellung „stagings made in NAMIBIA. postkoloniale fotografie/post-colonial photography.“ im Kunsthaus Bethanien, Berlin

Es ist schon komisch mit den Aufhängern, um einen Text zu schreiben. Manchmal kommt und kommt kein Thema vorbei und manchmal krallt sich eines dermaßen an den Hals, dass man es erst wieder los ist wenn es endlich in ein sprachliches Korsett gebannt ist. Wobei wir schon mitten drin sind, denn wenn wir schon gerade davon sprechen, kann ich auch gleich das ablassen, was mir gerade die Luftröhre einschnürt: die Ausstellung „stagings made in NAMIBIA. postkoloniale fotografie/post-colonial photography.“ Die Macher waren drei Monate in Namibia und statteten dort lebende Menschen mit Einwegkameras aus, der Auftrag: das Thema der deutschen Kolonisierung fotografisch spiegeln. Nun sollte der aufmerksame Leser bereits hellhörig werden, denn tatsächlich handelte es sich bei dem Vorhaben um ein Konzept, was in Deutschland „für“ Namibianer entwickelt worden war und bei dem eben diese im festgelegten Rahmen agieren sollten. Nun geschah aber folgendes: statt sich um das Thema Kolonisation zu scheren, fotografierten die Namibianer lieber sich selbst oder ihre Freunde, Bekannten und Familienmitglieder. Auf dem Introtext zur Ausstellung wird dieser Verlauf des Projekts dann als „charmant entgleist“ kommentiert und dann möglichst kompliziert uminterpretiert in eine Bilderschau, die ein Gegengewicht schaffen soll zu den gängigen Bildern hungernder namibischer Kinder, die wir aus Deutschland so kennen. DAS war nun richtig interessant, bis heute hatte ich nämlich gar nicht gewusst, dass es in Deutschland ein so differenziertes Namibiabild gibt – wir wissen, wie hungrige Namibianer aussehen! Und das, obwohl es in Namibia nie eine eklatante Hungersnot gegeben hat und so gut wie nie Nachrichten aus dem Land in unser sorgsam gesiebtes Medienbild sickern.
Statt also der Aufforderung Folge zu leisten, machten die Teilnehmer, was sie wahrscheinlich immer machen, wenn sie mit Kameras hantieren und lichteten sich selbst ab. Was von der Machern als „Entgleisung“, nein mehr, „charmante Entgleisung“ dargestellt wird, gibt hübsch Aufschluss über ihre Haltung: sie hatten die Schienen (fest-)gelegt auf denen der Zug fahren sollte, doch der Zug kam durch wenig fachkundige Insassen vom Weg ab. Die Wortwahl „charmant“ kann dabei leider nur verstanden werden als süffisante Überlegenheitsgeste, es scheint als spräche eine Nerven gestählte Kindergärtnerin von einem Haufen ungezähmter Kinder, die in ihrer Naivität und wilden Produktivität doch liebenswert sind und deren Ergebnisse man dementsprechend huldigen muss. Und so kann der interessierte Besucher nun die einmalige Erfahrung machen, Afrikaner in ihrer gewohnten Atmosphäre auf Fotos anzugucken: so sieht es also aus, wenn Afrikaner auf der Straße stehen! Zu Hause auf dem Sofa sitzen! So sieht es aus, wenn namibische Kinder gemeinsam spielen! Und der Aha-Effekt: keine Hungerbauchkinder, die traurig aus der Wäsche gucken.

Leute die so was machen, lassen auch Schimpansen mit Fingerfarbe Kunstwerke malen, um deren Intelligenz zu beweisen. Leben wir Deutschen wirklich derart auf dem Mond, dass wir es nötig haben, Afrikaner beim Biertrinken zu beobachten, um davon überzeugt zu werden, dass Afrika nicht aus traurig dreinschauenden Menschen besteht, die mit ihren Mündern das Wort ‚Hunger‘ formen? Das Projekt (übrigens vom Hauptstadtkulturfond gefördert) erzählt herzlich wenig über Namibia und seine Menschen, dafür aber einiges mehr über seine Macher und Geldgeber und deren immer noch existierenden und sich fortschreibenden kolonialen Herrschermodi. Zwei interessante Dinge habe ich dennoch entdeckt: 1) Die Tatsache, das schwarze und weiße Namibianer prinzipiell nicht auf demselben Foto zu sehen sind, spiegelt authentisch die soziale und kulturelle Grenze im Land. Und 2) den Deutschen haben die Namibianer nicht nur die Schrecken des Kolonialismus, sondern auch Schrankwände vom Typ Eiche Rustikal zu verdanken.

Man kann einen gewissen Trost finden in stagings made in Namibia wenn man sich bewusst ist, was die Leute aus dem ursprünglich gewollten Bedeutungskontext gemacht haben. Dass die Macher trotzdem den Versuch unternommen haben, diesem sinnfreien Bilderblumenstrauß einen verkopften Bedeutungskontext überzustülpen, passt ins Muster.
Hätte man ein Projekt auf Augenhöhe machen wollen, so hätte man es von Anfang als Kooperation initiieren müssen, hätte namibische Fotografen, Künstler, Wissenschafter oder auch Privatleute anfragen können, die das Thema Kolonialismus bearbeiten oder sich dafür interessieren. Die Anmaßung des ganzen Projektes liegt leider bereits in dem Denken, das sich der moderne Querschnitt der Namibianer mit seiner Kolonialgeschichte auseinandersetzt (ich habe gerade große Freude daran, mir vorzustellen, was dabei rausgekommen wäre, wenn ein namibischer Kurator das gleiche Vorhaben mit Deutschen hätte durchsetzen wollen).
Für das, was stagings made in Namibia ist, hätte man nur mal die hier lebenden Namibianer (ja, die gibt es) nach ihrer Fotobox fragen müssen und stattdessen das Geld für ein sinnvolleres, weniger pseudoelitäres Projekt ausgeben können. Die Projektverantwortlichen nennen ihr Werk „eine kollektive Versuchsanordnung“. Was auch immer das sein soll, es sagt eigentlich schon alles.

 

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Über moehrenstrasse

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und Journalismus in Monterrey, Mexiko. Hospitationen u. a. bei SPIEGEL, ZDF, NDR, Radio Bremen und BILD, darüber hinaus Veröffentlichungen u.a. bei Tagesspiegel und dpa. Freie Journalistin und Online-Redakteurin bei der Werkstatt der Kulturen in Berlin.
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Eine Antwort zu Zur Ausstellung „stagings made in NAMIBIA. postkoloniale fotografie/post-colonial photography.“ im Kunsthaus Bethanien, Berlin

  1. moehrenstrasse schreibt:

    Eigentlich ist dem ganzen nichts mehr hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Witzig finde ich den Ansatz der Deutschen, jemanden eine Einwegkamera zu geben, um seine Fotos dann anzuschauen. Erstens, wieso eigentlich Einwegkamera? Hat man den Teilnehmern nicht zugetraut, die Kamera mehrmals zu nutzen? Hatte man Angst, dass die Teilnehmer die Kamera klauen? Oder war von Anfang an klar, das diese Nullnummer höchstens nur einmal stattfinden wird? Und zweitens: Die Vorstellung, in Namibia gäbe es keine Kameras und schon gar nicht Fotografen ist bereits eine stark verzehrte Realität. Aber aufgrund solcher (Wahn-)Vorstellungen dem unterentwickelten Namibia mit seinen schwer unterentwickelten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich und seinem stummen Volk eine Stimme zu verleihen- einfach absurder, eurozentristischer (mit Verlaub) scheiss! kk

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