Putzen auf mexikanisch

In Mexiko ist es üblich (viel üblicher als in Deutschland), eine Putzfrau zu haben. Selbst Studenten haben oft eine „Seele des Hauses“ wie die Frauen genannt werden. Ein Jahr lang wohnte ich mit zwei Mexikanerinnen in Monterrey, der nördlichsten Industriemetropole des Landes. Anfangs war es schwer für mich, mich an die fremde Frau zu gewöhnen, die zwei Mal wöchentlich im Haus herumlief und der ich beim Frühstückmachen in der Küche, im Bad oder auf der Terrasse fast auf die Füße trat. Es war mir unangenehm, dass jemand mein Geschirr abwusch und mein Zimmer fegte, ich ärgerte mich darüber, Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz zu finden, und ich versteckte meine Wäsche im Schrank, damit die Fremde sie nicht für mich wusch.
Neben der Putzfrau kam in der Mitte der Woche außerdem noch eine andere Frau ins Haus. Es dauerte einige Wochen bis ich verstand, dass diese nur für eine (!) meiner Mitbewohnerinnen arbeitete, hauptsächlich, um ihr Essen zu kochen, denn zu putzen war nach einem vergangenen Tag natürlich nichts. Auch diese Frau störte mich, aber wenigstens musste ich sie nicht bezahlen.
Als der Sohn unserer (also auch meiner) Putzfrau krank wurde, stand der Haushalt vor einem Problem, denn vertrauenswürdiges Reinigungspersonal gab es wenig. Als endlich jemand gefunden war, wurde die Lage noch unübersichtlicher: während die vorherige Señora immer Montags und Donnerstags kam und die Privatköchin bzw. -putzfrau meiner Mitbewohnerin am Mittwoch, hatte die Neue Montags keine Zeit und kam stattdessen dienstags. So kam es zu folgender Situation: Dienstags kam von nun an die Neue, Mittwochs die Private und Donnerstag wieder die Neue. Da am Dienstag geputzt wurde (normalerweise blieb die Putzfrau 4-5 Stunden im Haus) gab es Mittwochs außer des Essen Vorbereitens nichts mehr für die Privatputzfrau zu tun. Da sie jedoch nicht fürs Nichtstun bezahlt wurde blieb auch sie, wischte, fegte, trocknete mal hier und mal dort etwas. Dasselbe Dilemma hatte auch die Neue, denn von der Reinigung am Dienstag und dem Phantomputz vom Mittwoch war am Donnerstag natürlich auch keine Arbeit zu finden. Erschwerend kam noch dazu, dass die neue Señora ihren Job unzureichend erledigte: die Bäder machte sie auch auf mehrmalige Anfrage überhaupt nicht sauber und auch der Rest des Hauses wurde nur halbherzig und oberflächlich geputzt. Ich war aufgebracht und konfrontierte meine Mitbewohnerinnen mit der für mich so logischen Frage nach dem Warum. Doch das was für mich so nervenaufreibend unsinnig und verschwenderisch war, erzeugte bei ihnen nicht viel mehr als ein gleichgültiges Schulterzucken. Offensichtlich verbarg sich hinter dem Thema mehr als ich anfangs angenommen hatte. Ich begriff, dass der Konflikt sich nicht auf Logik sondern auf Mentalitätsunterschiede gründete. Es kam gar nicht so sehr darauf an, dass die Frauen ihren Job gut machten, vielleicht ein eher deutscher Anspruch. Wichtiger war, dass das System sich trug. Das Personal war ein Basiselement des sozialen Status, man hatte einfach eine Putzfrau und Basta. Die Privatputzfrau einer der Mexikanerinnen war vor meiner Zeit auch für alle Bewohner zuständig, war jedoch noch schludriger gewesen als die aktuelle. Man hatte es nicht übers Herz gebracht, sie zu kündigen, stattdessen hatte man die Alternative der Privatputzfrau gefunden. Bei der Neuen lief es ähnlich. Welche Wahl hätten sie gehabt, selbst wenn sie ergebnisorientiert gedacht hätten, als sich der Putzplan als ein Programm aus drei aufeinanderfolgenden Tagen herausstellte ? Sie deswegen nicht nehmen? Undenkbar. So übersieht man stattdessen das Rationale. So lässt man die Leute wischen, auch wenn das nur ein Verwischen von Effizienz ist. Man lässt sie waschen, selbst wenn es nur ein Verwässern ist, von Möglichkeiten des Über- und Weiterdenkens. Außer mich stört das niemanden, denn dieses Verwischen und –waschen ist ein Phänomen, dass nicht nur hinter verschlossenen Haustüren, sondern ganz im Gegenteil, in allen sozialen Bereichen mexikanischen Lebens stattfindet und meiner Meinung nach ein Grund ist für viele Probleme, die Mexiko nicht bewältigt bekommt.

Über moehrenstrasse

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und Journalismus in Monterrey, Mexiko. Hospitationen u. a. bei SPIEGEL, ZDF, NDR, Radio Bremen und BILD, darüber hinaus Veröffentlichungen u.a. bei Tagesspiegel und dpa. Freie Journalistin und Online-Redakteurin bei der Werkstatt der Kulturen in Berlin.
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