Weihnachten auf mexikanisch – ein Augenzeugenbericht

„Abre las ventanas al amor“ heißt ein schreckliches Lied, das die mexikanische Tante meiner ebenfalls mexikanischen Mitbewohnerin Ana Victoria zu singen pflegt. Übersetzt bedeutet der Titel soviel wie „Öffne die Fenster, um die Liebe hereinzulassen“, und während man das singt, schwingen beide Arme über dem Kopf bedächtig von einer Seite zur anderen. Dieses Lied, das mich stark an den Drogenersatz für kurz vorm Nervenzusammenbruch stehende Mitvierzigerinnen im Selbstfindungsseminar erinnert, war der Soundtrack zu meinem diesjährigen Weihnachtsfest, das ich in Torreón im mexikanischen Bundesstaat Coahuila verbringen durfte. Den Namen der Tante vergesse ich seit einem Jahr immer wieder weil sie bei mir nur Coliflor heißt. Das ist das spanische Wort für Blumenkohl und den Namen hat sie von mir verpasst bekommen weil sie ständig versucht, eine interkulturelle Brücke zu mir zu schlagen mit Fragen wie: „Sind in Deutschland alle Menschen traurig?“ oder solchen Infos: „Das ist eine mexikanische Suppe, man isst sie aus einem tiefen Teller.“ Oder sie holt eben mit feierlichem Gesichtsausdruck (zwischen ihrer lustigen Knollnase und dem sonst auf der Nase aufliegenden Stück der Brille klemmt ein dickes weißes Taschentuch) einen Blumenkohl aus dem Kühlschrank, deutet darauf und sagt dann ganz langsam und für mich didaktisch nachvollziebar „CO-LI-FLOR“. Diese Tante jedenfalls hatte das Lied nicht aus dem Selbstfindungsseminar (Selbstfindung ist für die mexikanische Durchschnittsfrau auch gar kein Thema), sondern aus der Kirchengruppe, denn wie fast jeder mexikanische Haushalt ist auch dieser streng katholisch. Meine Mitbewohnerin hatte mir im Vorfeld schon erklären wollen wie Weihnachten in ihrer Familie vonstatten geht, was aber nur so semi-klar bei mir ankam (und das lag dieses Mal nicht an sprachlichen Hindernissen). Die Farben des Festes würden jedenfalls Blau und Silber sein, außerdem musste ich mir noch eine persönliche Farbe aussuchen. Seit Jahren hatte jedes Familienmitglied seine eigene Farbe (Ana Victoria hatte Palmengrün, Onkel Sergio Giraffengelb, Mutter Pili Haifischblau etc. ) und ich entschied mich im zweiten Anlaufversuch (denn der erste scheiterte mit meiner Wahl auf Blutorange, das in der ganzen Stadt nicht zu kriegen war und fast in einem unterzuckerten Hysterieanfall geendet wäre) für Schlumpftürkis.

Der erste Balanceakt des großen Festes bestand darin, alle geladenen Gäste um 19 Uhr zusammenzurotten, damit ein von der Regionalzeitung bestellter Fotograf die Fotos schießen konnte (nebenbei bemerkt ist es eine mexikanische Eigen- bzw. Abart, sich und seine Familie bei den hoch frequentiert stattfindenden Hochzeiten, Taufen, Feiern zum 15. Geburtstag o. ä. geschniegelt und gebügelt in Lokalzeitungen ablichten zu lassen). Im Endergebnis waren auf den Fotos Mutter, Vater und Ana Victoria, Coliflor und ihr Mann mit ihren drei erwachsenen Kindern und deren Ehepartnern in spe (zwei davon leben in den USA) und ich zu sehen. Es fehlten der jüngst Vater gewordene Bruder meiner Mitbewohnerin mit seiner von allen verschmähten Ehefrau, ihre gerade zur Welt gekommene Tochter und die Licenciara, noch eine Tante, deren wirklichen Namen ich nicht kenne, weil mit der erworbenen Licenciatura (Universitätstitel) der ursprüngliche Name meist hinfällig wird. Die noch duschende Licenciara und der erst eine Stunde später aufgetauchte Bruder mit Anhang waren dementsprechend erstmal mufflig. Im Anschluss folgte der obligatorische Kirchenbesuch, dieser war jedoch nach Angaben von Ana Victoria in diesem Jahr etwas anders als sonst, weil keine Krippe mit darin liegendem Jesuskind aufgebaut war, zu der jeder der Lust hatte pilgern konnte, um einen Jesus-Kuss gegen eine Hersheys Schokopraline einzutauschen.
Zurück zu Hause ging die Fotosession in die nächste Runde, jetzt waren alle vollzählig und das musste ausgenutzt werden. Das anschließende Essen bestand aus Truthahn, einem köstlichen Hackfleischgericht mit Rosinen, Mandeln und Oliven, außerdem gab es Ofenkartoffeln, merkwürdige Schmand-Spaghetti (die Zubereitung von Nudelgerichten gehört nicht gerade zu den Highlights der mexikanischen Küche) und dem aus Torreón bekannten „pan francés“, weißen pappigen Brötchen, die mit französischem Brot in etwa so viel zu tun haben wie das in Deutschland bekannte Desperados Bier. (Ich erinnere mich an einen Franzosen der, von einem Mexikaner auf das pan francés angesprochen, erwiderte, ja, sie hätten alle möglichen Brote in Frankreich, alle möglichen, nur das, das hätten sie nicht.) Ohne fühlbare Pause wurde der Tisch dann noch mit Kuchen, Keksen und mit von mir mitgebrachter deutscher Schokolade gepimpt, die vielen Tafeln Milka Schokolade, Ferrero Küsschen, Amicelli und Hanuta waren innerhalb kürzester Zeit ebenfalls vom Tisch und in die übervollen Mägen gefegt. Zu meinem größten Amüsement blieb nur die Tafel mit Chile Geschmack liegen, eine völlig geisteskranke Kombination für ein Volk, das die verschiedensten Sorten von Chile kennt und die Schote in unzähligen Speisen als Hauptgewürzmittel verwendet.. aber so doch bitte nicht!

Die Zeremonie klimperte so dahin mit zahlreichen Aktivitäten wie diversen Kartenspielen (alles im christlich-religiösen Kontext versteht sich), dem feierlichen Kollektiv-Verspeisen eines Kekses (Symbol für den Stern der Hoffnung), dem Singen von diversen Liedern (Abre las ventanas al amoooorr), einigen Action Performances der Licenciara und das in den Himmel schicken von Luftballons (meiner war natürlich schlumpftürkis) mit anschließendem sich was wünschen (etwas Materielles und etwas Ideelles, so die Vorgabe). Dann, es war schon nach Mitternacht, kam endlich die Geschenkübergabe. Zu meiner Befriedigung war ich nicht die einzige, die die komplizierte Gabentechnik nicht verstanden hatte, denn ständig griff die falsche Hand ins rosa Körbchen und wurde dann unter lautstarkem Geschrei doch noch davon abgehalten, einen goldenen Stern mit dem nächsten Namen herauszufingern. Das ganze dauerte dann auch, wie so ziemlich alles was man in Mexiko so macht, seine eigene, kleine Ewigkeit (schließlich musste die Zeit des Fotografierens von Geschenk mit Schenkendem und später dann noch mit dem Beschenktem einberechnet werden) und weil es schon recht spät war, lag ständig jemand schlafend oder nur noch körperlich anwesend in der Ecke. Im Anschluss gab es dann die sogenannten Chuscos, die Witzgeschenke. Das dauerte noch länger als die eigentliche Session, denn zum Chusco Schenken gehört eine lang vorgetragene Vorgeschichte, eine Showähnliche Übergabe und im Anschluss viel herzliches Gelächter. Es muss so halb vier gewesen sein als dann doch alle Geschenke von der Treppe verschwunden waren und man zum letzten Programmpunkt überging: das Anwerfen der eigens für diese Nacht angelieferten Karaoke Maschine, ein Vieh mit dem Ausmaß eines Spielautomaten und mit einer Auswahl an mexikanischem Liedgut, die die Beteiligten bis zum Morgengrauen locker beschäftigen konnte.
Am nächsten Tag wurde dann noch auf die traditionelle Piñata, ein mit Süßigkeiten gefülltes Pappmaché-Gebilde, eingeschlagen, dessen strahlenförmige Arme die sieben Todsünden symbolisieren (nach diesen gefragt fiel den meisten gefragten Familienmitgliedern aber bezeichnenderweise nur Völlerei und Ehebruch ein). Coliflor war die letzte am Zug, sie postierte sich mit ihrer Augenbinde vor der Piñata und mit schwerfälligen Schlägen irrte der Piñata-Stab durch die Luft bis er das nur noch an einem Faden hängende malträtierte Etwas schließlich vom Seil schlug. Es gibt Bilder, die vergisst man im Leben nicht, die brennen sich auf die Netzhaut; und eines davon ist für mich die so liebenswert plumpe, tiefgläubige Coliflor, die beseelt durch ihre Durchschlagskraft und wie vom Teufel besessen auf die am Boden liegenden Pappreste eindrischt und der Familienchor dazu „Abre las ventanas al amor“ singt.

Über moehrenstrasse

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und Journalismus in Monterrey, Mexiko. Hospitationen u. a. bei SPIEGEL, ZDF, NDR, Radio Bremen und BILD, darüber hinaus Veröffentlichungen u.a. bei Tagesspiegel und dpa. Freie Journalistin und Online-Redakteurin bei der Werkstatt der Kulturen in Berlin.
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